Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich zum ersten Mal wirklich verstanden habe, was „Vibe Coding“ bedeutet. Ich saß abends am Laptop, hatte eine vage Idee für ein kleines Tool im Kopf und tippte einfach drauflos, was ich mir vorstellte – ohne eine einzige Zeile Code selbst zu schreiben. Zehn Minuten später lief ein funktionierender Prototyp vor mir auf dem Bildschirm. Kein Stack-Overflow-Tab, kein Framework-Handbuch, kein Grübeln über Syntax. Nur ich, meine Vorstellung und Claude, der den Rest übernommen hat.
Vibe Coding mit Claude nennt sich das, und es ist ein großartiges Gefühl, Ideen so viel besser (und schneller) in die Tat umsetzen zu können.
Genau dieses Gefühl ist es, warum gerade so viele Leute – Entwickler:innen genauso wie totale Neulinge – anfangen, komplett anders zu arbeiten. Aber „einfach drauflos prompten“ ist nicht dasselbe wie gut mit Claude zu bauen. Es gibt ein paar Kniffe, die den Unterschied zwischen „naja, ging so“ und „wow, das hat mir wirklich Zeit gespart“ ausmachen. Genau die zeige ich dir hier – mit jedem einzelnen Schritt, den du direkt nachmachen kannst.
Warum wird Claude gerade so gehypt fürs Vibe Coding?
Der Begriff „Vibe Coding“ selbst ist noch gar nicht so alt: Geprägt hat ihn der KI-Forscher Andrej Karpathy Anfang 2025 in einem Post, der sich sinngemäß so lesen lässt: Man gibt sich komplett dem Gefühl hin, vergisst quasi, dass im Hintergrund überhaupt Code existiert, und beschreibt stattdessen einfach, was passieren soll. Aus einem Insider-Scherz wurde innerhalb weniger Monate ein fester Bestandteil des Entwickler-Wortschatzes – inzwischen sogar in Wörterbüchern gelistet.
Dass ausgerechnet Claude in diesem Zusammenhang so oft genannt wird, hat handfeste Gründe. Es geht nicht mehr nur um Autovervollständigung einzelner Codezeilen, wie man es von klassischen Coding-Assistenten kennt. Claude – vor allem über Claude Code, das agentische Kommandozeilen-Tool – arbeitet in einer echten Schleife: Es durchsucht dein Projekt selbstständig, überlegt sich einen Plan, wählt passende Werkzeuge aus, ändert Dateien, führt Befehle und Tests aus, schaut sich die Ergebnisse an und korrigiert sich bei Bedarf selbst – oft über mehrere Dateien hinweg, ohne dass du jeden einzelnen Schritt vorkauen musst.
Was das Ganze zusätzlich spannend macht: Diese Autonomie kommt nicht ungebremst daher. Über Mechanismen wie einen expliziten Plan-Modus, projektspezifische Gedächtnis-Dateien oder klar abgegrenzte Unteraufgaben lässt sich genau steuern, wie viel Freiheit Claude gerade hat – von „zeig mir erstmal nur einen Plan“ bis „leg einfach los“. Genau dieses Zusammenspiel aus Geschwindigkeit und Kontrolle ist der Grund, warum Vibe Coding mit Claude sich für viele nicht wie ein Blindflug anfühlt, sondern wie Arbeiten mit einer sehr eigenständigen, aber führbaren Entwickler-Kollegin. Und genau da setzen die folgenden fünf Tipps an.
Tipp 1: Leg dir eine CLAUDE.md an – das Gedächtnis für dein Projekt
Der häufigste Fehler beim Vibe Coding: Man erklärt Claude in jeder neuen Session wieder von vorne, wie das Projekt aufgebaut ist, welche Konventionen gelten und wie man testet. Das kostet Zeit – und führt zu Inkonsistenzen. Die Lösung ist eine einfache Markdown-Datei, die Claude Code automatisch zu Beginn jeder Sitzung einliest.
So gehst du konkret vor:
- Lege im Hauptverzeichnis deines Projekts eine Datei mit dem exakten Namen
CLAUDE.mdan. - Schreib ganz oben kurz rein, worum es im Projekt geht (Name, Zweck, ein bis zwei Sätze).
- Liste den Tech-Stack auf (z. B. „React, TypeScript, Vite, Tailwind“).
- Notiere die wichtigsten Befehle, die Claude sonst raten müsste: Build-Command, Test-Command, Start-Command (z. B.
npm run build,npm test,npm run dev). - Halte deine Code-Konventionen fest – etwa „kein
anyin TypeScript“, „keine Default-Exports“, euer Commit-Format (z. B.feat/fix/chore(scope): Beschreibung). - Ergänze kurze Hinweise zur Ordnerstruktur oder zu Architektur-Entscheidungen, die nicht offensichtlich sind.
- Speichern – fertig. Ab der nächsten Session liest Claude Code diese Datei automatisch mit ein, ohne dass du etwas extra erwähnen musst.
- Halte die Datei aktuell: Wenn sich Konventionen ändern, trag es sofort nach, statt es „irgendwann“ zu machen.
Übrigens: Arbeitest du direkt in Claude.ai statt im Terminal, gibt es mit Projekten und dem dazugehörigen Projektwissen ein sehr ähnliches Prinzip – auch dort kannst du Kontext einmal hinterlegen, statt ihn ständig neu zu tippen.
Tipp 2: Aktiviere den Plan-Modus, bevor du große Änderungen machst
Der größte Frust beim Vibe Coding entsteht meistens so: Claude ändert munter mehrere Dateien, das Ergebnis ist „fast richtig“, und du korrigierst in mehreren Nachrichten hin und her. Genau dafür gibt es den Plan-Modus – er sorgt dafür, dass Claude erst einen Plan vorlegt und wirklich nichts an deinem Code anfasst, bevor du zustimmst.
So aktivierst und nutzt du ihn:
- Starte Claude Code im Terminal deines Projekts mit dem Befehl
claude. - Drücke zweimal
Shift+Tab, um in den Plan-Modus zu wechseln – in der Fußzeile erscheint eine Bestätigung, dass der Plan-Modus aktiv ist. - Alternativ: Tippe
/planan den Anfang deiner nächsten Nachricht, wenn du nur für diesen einen Prompt planen lassen willst. - Beschreibe jetzt deine Aufgabe so genau wie möglich (z. B. „Füge einen Rate-Limiter zu allen API-Endpunkten hinzu, der 429 mit Retry-After-Header zurückgibt“).
- Claude durchsucht dein Projekt nur lesend, verändert also noch keine einzige Datei.
- Du bekommst einen Schritt-für-Schritt-Plan vorgelegt – lies ihn wirklich durch, statt ihn nur zu überfliegen.
- Bestätige den Plan, ändere ihn ab oder lehne ihn ab, wenn etwas nicht passt.
- Nach deiner Freigabe verlässt Claude automatisch den Plan-Modus und setzt die Änderungen um.
- Willst du eine ganze Session im Plan-Modus starten (z. B. bei einem unbekannten Repo oder sicherheitskritischem Code), starte direkt mit
claude --permission-mode plan.
Faustregel aus der Praxis: Bei Änderungen an drei oder mehr Dateien, bei Datenbank-Schemas oder bei Code, den du selbst noch nicht gut kennst, lohnt sich der Plan-Modus fast immer. Bei einer einzelnen kleinen Korrektur darfst du ihn getrost weglassen – dafür ist er overkill.
Tipp 3: Beschreib die Vibe, nicht nur die Syntax – arbeite iterativ mit Bildern
Der Name „Vibe Coding“ kommt nicht von ungefähr: Du bekommst die besten Ergebnisse, wenn du nicht wie ein Pflichtenheft formulierst, sondern das gewünschte Gefühl, Ziel oder Aussehen beschreibst – und dann in Runden verfeinerst, statt alles im ersten Prompt perfekt vorzugeben.
So machst du das konkret:
- Beschreib zuerst grob, was am Ende herauskommen soll – lieber „eine verspielte, freundliche Landingpage für ein Kids-Spielzeug“ als zwanzig technische Detailanforderungen auf einmal.
- Füge, wenn vorhanden, direkt ein Referenzbild, einen Screenshot oder ein Mockup in den Chat ein – Claude kann Bilder als Input verarbeiten und sich daran orientieren.
- Lass Claude einen ersten Entwurf bauen und schau dir das Ergebnis an (in Claude.ai z. B. direkt als Live-Vorschau im Artifact).
- Gib Feedback in normaler Sprache, so wie du es einem Menschen sagen würdest – „mehr Weißraum“, „der Button wirkt zu klobig“, „wärmerer Farbton“.
- Lass Claude iterieren, statt jedes Detail selbst vorzuschreiben. Grobe Richtung geben, Ergebnis bewerten, nachschärfen – das ist der eigentliche Vibe-Coding-Loop.
- Bist du unsicher, welche Richtung besser passt, frag gezielt nach Alternativen („zeig mir zwei unterschiedliche Varianten davon“).
- Erst wenn die Richtung stimmt, wird es technisch konkreter – Details wie Barrierefreiheit, Performance oder Edge Cases kommen dann gezielt als eigene Nachfolge-Prompts.
Tipp 4: Teile komplexe Aufgaben in Subagents auf
Sobald ein Task größer wird – zum Beispiel „erkunde erstmal die Codebasis“ plus „baue danach ein neues Feature“ – lohnt es sich, die Arbeit in klar abgegrenzte Subagents aufzuteilen. Ein Subagent ist im Grunde ein spezialisierter Claude mit eigener, eingeschränkter Rolle, zum Beispiel rein lesend zum Erkunden, ohne dass er versehentlich etwas verändert.
So richtest du einen ein:
- Lege im Projekt einen Ordner
.claude/agents/an (falls noch nicht vorhanden). - Erstelle darin eine neue Markdown-Datei, z. B.
explorer.md. - Schreib oben einen YAML-Frontmatter-Block mit mindestens
nameunddescription, z. B.name: explorerunddescription: Rein lesendes Erkunden der Codebasis. - Schränke die erlaubten Werkzeuge im Frontmatter gezielt ein, etwa nur
tools: Read, Grep, Globfür einen Subagenten, der garantiert nichts verändern kann. - Beschreib im Hauptteil der Datei klar, was der Subagent tun soll (z. B. „Kartiere die Repo-Struktur und fasse die wichtigsten Einstiegspunkte zusammen“).
- Lass den Haupt-Claude diesen Subagenten für genau die passende Teilaufgabe einsetzen, während du selbst am eigentlichen Feature weiterdenkst.
- Nutze für unterschiedliche Zwecke unterschiedliche Subagents – etwa einen reinen Explorer zum Erkunden und einen separaten Reviewer, der Änderungen gegen eure Team-Standards prüft.
- Der Haupt-Agent führt am Ende die Ergebnisse der Subagents zusammen und plant darauf aufbauend die nächsten Schritte.
Der Vorteil: Jeder Subagent bleibt in seiner Rolle sauber begrenzt, was gerade bei größeren oder sicherheitsrelevanten Codebasen ziemlich beruhigend ist.
Tipp 5: Nutze Artifacts in Claude.ai für Prototypen ganz ohne lokales Setup
Nicht jeder Vibe-Coding-Moment braucht gleich ein Terminal, ein Repository oder eine Entwicklungsumgebung. Für schnelle Prototypen, kleine interaktive Tools oder Diagramme reicht oft ein ganz normaler Chat auf claude.ai – dank Artifacts.
So gehst du vor:
- Öffne einen neuen Chat auf claude.ai.
- Beschreib, was du bauen möchtest – etwa ein kleines interaktives Tool, eine Beispiel-Webseite oder ein Diagramm.
- Claude erstellt daraus automatisch ein Artifact (zum Beispiel HTML- oder React-Code) und zeigt dir direkt daneben eine funktionierende Live-Vorschau.
- Teste die Vorschau sofort im Chat – klicken, Formularfelder ausfüllen, Interaktionen ausprobieren.
- Formuliere Änderungswünsche einfach als nächste Chatnachricht („mach die Buttons größer“, „füge ein drittes Feld hinzu“) – Claude aktualisiert das Artifact entsprechend.
- Wiederhole Schritt 4 und 5, bis das Ergebnis passt.
- Gefällt dir das Ergebnis, kannst du dir den Code anzeigen lassen und für dein eigenes Projekt weiterverwenden.
Der Clou: Du brauchst dafür keine einzige lokale Installation – ideal, um eine Idee in wenigen Minuten sichtbar zu machen, bevor du überhaupt entscheidest, ob sie es wert ist, „richtig“ gebaut zu werden.
Fazit: Vibe Coding mit Claude
Vibe Coding mit Claude fühlt sich manchmal fast zu leicht an – und genau darin liegt sowohl die Stärke als auch die Falle. Für Prototypen, interne Tools, Experimente oder den ersten Entwurf einer Idee ist dieser lockere, gesprächsartige Workflow unschlagbar schnell. Aber „es läuft“ ist nicht dasselbe wie „es ist sauber, sicher und wartbar“ – gerade Kritiker:innen der Bewegung weisen zu Recht darauf hin, dass gute Software am Ende immer noch Sorgfalt braucht, auch wenn die Vibes stimmen.
Genau deshalb ergänzen sich die fünf Tipps so gut: Eine CLAUDE.md gibt Claude dauerhaften Kontext, der Plan-Modus verhindert teure Überraschungen, iteratives Arbeiten mit Bildern trifft schneller den richtigen Ton, Subagents halten größere Aufgaben sauber getrennt, und Artifacts machen aus einer vagen Idee in Minuten etwas Anfassbares. Probier einfach aus, welcher dieser fünf Kniffe dir als Erstes auffällt, wenn du das nächste Mal wieder „einfach drauflos“ mit Claude bauen willst – ich bin ziemlich sicher, du wirst danach nicht mehr ohne coden wollen.

