In einem Interview mit dem Tagesspiegel blickte Segelolympiasieger Willy Kuhweide auf eine der ungewöhnlichsten olympischen Geschichten der deutschen Sportgeschichte zurück. Kuhweide gewann bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio die Goldmedaille in der Finn-Klasse. Er trat für eine gesamtdeutsche Mannschaft an, obwohl die Berliner Mauer das Land zu diesem Zeitpunkt bereits geteilt hatte.
Der Weg zur olympischen Regatta verlief jedoch alles andere als geradlinig. Wie Kuhweide im Gespräch erklärte, war das Auswahlverfahren zwischen den ost- und westdeutschen Segelverbänden zunehmend in politische Spannungen geraten. Segler der ostdeutschen Mannschaft fuhren während der Qualifikationsrennen teilweise in koordinierten Gruppen gegen ihn – eine Taktik, die er später als eine frühe Form dessen bezeichnete, was heute als Teamsegeln bekannt ist.
„Ich packte mein Boot ein und machte es winterfest“
Frustriert von den aus seiner Sicht unfairen Bedingungen zog sich Kuhweide vorübergehend vollständig aus dem Auswahlverfahren zurück. „Für mich war die Saison beendet“, erinnerte er sich. „Ich packte mein Boot ein und machte es winterfest.“
Die Situation blieb bis kurz vor Beginn der Olympischen Spiele ungeklärt. Erst nachdem die Mannschaft bereits nach Tokio gereist war, entschieden die Verantwortlichen, dass Kuhweide und sein ostdeutscher Rivale Bernd Dehmel die Frage in einem direkten Rennen klären sollten. Doch auch zu diesem Duell kam es nie. Dehmel durfte Berichten zufolge von seinem eigenen Verband aus nicht antreten. Kurz vor der Eröffnungsfeier bestätigte das Internationale Olympische Komitee schließlich Kuhweide als deutschen Vertreter.
Die plötzliche Entscheidung ließ ihm kaum Zeit, sich mental auf den Wettbewerb vorzubereiten. Rückblickend gab Kuhweide zu, dass ihn die Situation überforderte. „Ich fühlte mich völlig überfordert“, sagte er und lachte Jahrzehnte später über die Erinnerung.
Trotz der chaotischen Umstände fand er nach Beginn der Regatta schnell seinen Rhythmus. Nachdem er im ersten Rennen den zweiten Platz belegt und das folgende Rennen gewonnen hatte, übernahm Kuhweide die Führung. Er verteidigte sie während des gesamten weiteren Wettbewerbs und sicherte sich schließlich die Goldmedaille.
Während des Interviews sprach Kuhweide auch darüber, wie stark die Politik den Sport während des Kalten Krieges beeinflusste. Die Athleten selbst hatten damals nur wenig Kontrolle über die umfassenderen politischen Konflikte, die sie umgaben. Heute, so Kuhweide, gehören diese Spannungen der Vergangenheit an. Er und sein früherer Rivale Bernd Dehmel wurden später Freunde.
Kuhweide wuchs mit dem Segelsport am Berliner Wannsee auf und erklärte, dass dieser bereits seit seiner frühen Kindheit zu seinem Leben gehörte. „Ich habe das Segeln nie wirklich gelernt“, sagte er. „Ich bin einfach damit aufgewachsen.“
Auch Jahrzehnte später zählt der Olympiasieg zu den bemerkenswertesten Momenten der deutschen Segelgeschichte – nicht nur wegen der Medaille selbst, sondern auch aufgrund des außergewöhnlichen politischen Umfelds, in dem sie gewonnen wurde.
